Tagesimpuls 10. April 2020 Karfreitag

Gebet zur Einstimmung

"Herr Jesus, du hast das Leiden auf dich genommen; weil du anecktest, weil du Menschen in Frage stelltest. Du hast dich nicht dagegen gewehrt. Du hast das Böse besiegt. Wir denken heute an dein Leiden, an deine großen Taten für uns. Sie mögen uns stark machen für unsere Wege, damit wir nicht Leid ausweichen, wenn es uns trifft."

In der Liturgie des Karfreitag steht das Kreuz im Mittelpunkt. Wir können nur betroffen, sprachlos das Geheimnis unserer Erlösung feiern, wenn wir in dieser Feier auf das Kreuz schauen und den verehren und uns vor ihm neigen, der das Kreuz für uns zum Zeichen des Lebens verwandelt hat.

Wir verbinden uns in unserem Beten mit allen Menschen in der Welt und bitten miteinander und füreinander in unserer eigenen Erlösungsbedürftigkeit und für die der ganzen Welt.

Wir sind eingeladen, ausdrücklich mit dem gekreuzigten Herrn in Beziehung zu treten. Jeder und jede mit ihrer/seiner eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte. Was sich da an Nähe und Erfahrung vollzieht ist zusammengefasst in den Zusagen: "Ich bin mit deiner Not vertraut." und "Er hat alle Leiden und Schmerzen auf sich geladen." Heute wird keine Eucharistiefeier oder Kommunionfeier gefeiert.

Für die Feier der Karfreitagsliturgie, die den Tod in seinem gesamten Ausmaß vor Augen stellt ist die vollzogene Kreuzesverehrung sozusagen die "Kommunion", die mich heute leben lässt und mich nährt.

Heute verkünden wir "seinen Tod", wir halten den Schrei Jesu: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" mit aus und erwarten "seine Auferstehung".

Es ist schwer, nichts in Händen zu halten, hilflos und mit leeren Händen zu kommen und in dieser Ohnmacht trotzdem aufgefangen zu sein bei dem, der mit ausgebreiteten Armen am Kreuz hängt und sich uns Menschen zuneigt.

In der Karfreitagsliturgie sind wir Hörende. Die Texte der Bibel, der Hl. Schrift, erzählen uns vom Leiden Jesus und von seinem Tod.

Wir sind eingeladen, uns selbst darin zu entdecken, unser Leben zu betrachten, mit unseren Sorgen und Leiden, mit all dem Notvollen in der Welt.

ER hält alles Leid aus - ER hält allem stand – ER weiß um die menschliche Not. Mit all dem dürfen wir uns Jesu anvertrauen.

Lass dich umarmen!

Der Hahn kräht für Petrus, so als wollte er ihm sagen: Wach auf, hör auf zu verleugnen, was du bist, wer du bist! Gerade erst hat Jesus dir die Füße gewaschen! Hat dir Anteil gegeben an seinem Leben und seiner Sendung, und jetzt das!

Der Hahn kräht auch für uns: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet nicht euer Herz. Es ist die Stimme dessen, der am Kreuz hängt, um uns zu begegnen.

Mit Hass reißt man Welten nieder, mit Liebe baut man sie auf, so heißt es in der jüdischen Weisheit.

Jesus stirbt am Kreuz aus Liebe. Bei Johannes hat Jesus das Geschehen immer in seiner Hand. Mit Macht, voll Hoheit geht er den Weg ans Kreuz, um sein Werk zu vollenden.

Am Kreuz haucht Jesus seinen Geist aus und übergibt ihn an seine Jünger, damit sie sein Werk weiterführen.

Und so schauen wir heute auf den, den sie durchbohrt haben. Wir schauen auf das offene Herz Gottes für die Menschen, wie der römische Hauptmann: Er sieht und glaubt - und wir?

Die Hinrichtung am Kreuz war eine grausame Strafe. Der Kreuzweg gehörte schon dazu und so galt die Hinrichtung auch dann als richtig vollzogen, wenn der Verurteilte sub crucisunter dem Kreuz starb, was so viel meint wie: schon auf dem Weg dorthin.

Zuerst vernichtete man die Kraft durch die Geißelung und dann die Ehre. Dann wurde der Querbalken des Kreuzes dem Verurteilten auf die Schulter gelegt und festgebunden, so dass dieser beim Gehen kaum das Gleichgewicht halten konnte. Stürze waren unvermeidlich und auch ihre Folgen: schwere Verletzungen am Körper, besonders im Gesicht und die tiefe Demütigung:  mit dem Gesicht im Staub zu liegen und sich nicht aus eigener Kraft aufrichten zu können. Ein Weg durch die Hölle.

Die Hölle sind die anderen, meinte Jean Paul Sartre.

Jesus wusste ja genau, wohin er sich wagte, als er zu uns Menschen kam und sich hineinwagte in den Bereich des Herrschers dieser Welt!

Denn das Böse, das Menschen tun, macht sie blind. Sie werden unrein, weil das Böse in ihrem Herzen Platz greift und so können sie nicht hören und nicht verstehen, selbst wenn sie wollten!

Und Jesus, der das alles weiß, betet am Kreuz: Vergib ihnen, Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun - vergib ihnen alles, was mir angetan haben und mir noch antun werden.

So tritt Jesus für die Schuldigen ein. Er der Gerechte macht die vielen gerecht. Durch seinen Tod am Kreuz, werden wir von Gott als seine Kinder anerkannt. Die ursprüngliche Gottebenbildlichkeit, sagt der heilige Athanasius, ist uns als Christusebenbildlichkeit erneuert worden!

Ebenbild Christi zu werden – ist das ein erstrebenswertes Ziel für uns? Ist es das Ziel unseres Lebens, Christus ähnlich zu werden?

Vielleicht ist das unser Problem mit dem Karfreitag: Helden möchten wir schon sein! Aber ist die Nachfolge Christi das Heldentum, das wir suchen, das Heldentum, das zählt in den Augen der Welt?

Die Nachfolge, zu der wir gerufen sind, unseren kleinen Weg der Nachfolge Christi, gehen wir, wenn wir im Alltag durch alle Schwierigkeiten und Anforderungen hindurch immer wieder den Blick auf Jesus erneuern.

So können wir mit ihm unsere kleinen Tode, die uns das Leben täglich abverlangt, annehmen und mit Jesus unseren Weg bis ans Ziel gehen. Mit seiner Auferstehung beginnt etwas Neues, mit seiner Auferstehung beginnt die Vollendung. Und das feiern wir jeden Sonntag aufs Neue.Deshalb ist für uns Christen der Sonntag der erste und wichtigste Tag der Woche.

Die Evangelien erzählen nur von zwei Begegnungen auf dem Kreuzweg: Simon von Cyrene, der Jesus das Kreuz tragen hilft; und die Frauen.

Ja, Frauen stehen auch beim Kreuz. Sie gehen mit Jesus trotz ihrer Enttäuschung; auch in Bitterkeit und Unverständnis, trotz ihrer Angst vor den Soldaten und der Menge. Sie gehen mit auch in der Schande, bis zum Tod.

Das ist es, was wir von diesen Frauen lernen können. Und genau die sind auch die ersten Zeuginnen der Auferstehung.

Denen, die nicht groß dastehen wollen, erschließt sich zuerst das Reich Gottes. Denen, die wissen, dass lieben und leiden zusammengehören.

Versuchen auch wir den Weg Jesu mit zu gehen, gehalten von ihm, der in uns lebt: Denn Jesus hat seine Hände ausgespannt. Ausgespannt am Kreuz sagt er zu mir und zu dir: Lass dich umarmen!